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Bachelor Vermittlungswissenschaften in Flensburg

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Was ist das?

Bachelor und Master (BA/MA) sind die Namen der Studienabschlüsse, welche die Bildungspolitik neu einführen will. Sie sollen die bisherigen Abschlüsse Diplom, Magister und Staatsexamen ablösen. BA/MA sind angelsächsische Studienabschlüsse, die nun auch in Europa eingeführt werden sollen. Beschlossen wurde dieser Strukturwechsel 1999 in der Stadt Bologna, weshalb er auch den Titel "Bologna-Prozess" trägt. Bemerkenswert ist, dass der Strukturwechsel nicht als demokratischer Beschluss, sondern bloß als "Prozess" verkauft wird.

In Flensburg wurde an der Pädagogischen Hochschule jahrzehntelang für ein Staatsexamen im Lehramt ausgebildet. Die Ausbildung zu diesem Examen wurde durch die Einführung des Bachelors in Vermittlungswissenschaften abgelöst.


2004/05 - 1. Akt: Der Auftakt

Die Vorbereitung

Die Umstellung der Lehramtsstudiengänge auf die Struktur BA/MA war Gegenstand von Verhandlungen im Akademischen Senat der Uni Flensburg im Wintersemester 2004/2005. Politisch-juristische Turbulenzen bei der Rektorenwahl ließen die Sache in den Hintergrund treten. Anfang Februar 2005 war Prof. Dr. Dunckel ins Amt des Rektors gewählt worden. BA/MA stand nun auf seiner Agenda. Das Rektorat der Uni Flensburg hatte die breite Einführung von BA/MA für den Bereich des Staatsexamens auf Lehramt zum Wintersemester 2005/2006 geplant - aus eigener Initiative (siehe 2. Akt).

Früh hat der AStA der Uni Flensburg nach verbindlichen Rahmenvorgaben gesucht, die er den Studierenden zum Wintersemester 2005/2006 hätte mitteilen können. Der AStA richtete am 31.03.05 schriftlichen Anfragen an das Kieler Ministerium, an das Rektorat der Hochschule und an die einzelnen Institute der Hochschule. Bis zur gesetzten Frist (31.05.05) hatten nur wenige Institute reagiert. Verbindliche Vorgaben, die Auskunft über den "Strukturwechsel" (Rektor Dunckel) hätten geben können, lagen entweder nicht vor oder waren für die Studierendenvertretung nicht vorgesehen.

Trotz des Mangels an Öffentlichkeitsarbeit trieb das Rektorat im Akademischen Senat der Hochschule die Umstellung des Lehramts auf BA/MA zum Wintersemester 2005/2006 voran. Es begann mit einer Einschränkung der Möglichkeit von Fachwechseln in den bisherigen Lehramtsstudiengängen. Nicht nur nahm dieser Tagesordnungspunkt andere Beschlüsse vorweg. In einer an die Hochschulöffentlichkeit gerichteten Bekanntmachung nannte das Rektorat "Fakten" zur geplanten Umstellung, die erst zwei Wochen später dem Senat zur Beschlussfassung vorgelegt werden sollten.

Die Bekanntmachung provozierte weitere Anfragen an das Rektorat, die dieses aber ignorierte und in einem Fall sogar "in die Tonne" - so der Prorektor - entsorgte. Der Senat beschloss auf seiner Sitzung am 25.05.05 nicht nur die Einführung einer BA/MA-Studienstruktur für das Lehramt zum Wintersemester 2005/2006, sondern er verfügte auch eine Schließung der bisherigen Studiengänge und damit das Ende der jahrzehntelang praktizierten Lehrerbildung. Die Inhalte der Tischvorlage wichen auch noch von der hochschulöffentlichen Bekanntmachung ab.

Studentische Beteiligung?

Auch nach der Senatssitzung vom 25.05.05 erhielt der AStA keine Antwort auf die die Anfrage vom 31.03.05. Das Kieler Ministerium wollte und konnte die am 19.05.05 gestellte Anfrage, wer wann welche verbindlichen Vorgaben für die Umsetzung von BA/MA-Studiengängen erlassen hätte, nicht beantworten. BA/MA zeigte sich auch hier als ein sehr persönliches Projekt des Rektorats der Uni Flensburg, d. h. von Rektor Dunckel und Prorektor Mittrowann.

Mangels verbindlicher Vorgaben bzw. Rechtsicherheit für Studierende wandte sich der AStA nach Ablauf der zweimonatigen Frist Anfang Juni 2005 an die Presse. Das Rektorat reagierte telefonisch mit Empörung und in der Presse mit der Darstellung von Planungsvorgaben, die aber erst eine Sitzung der Kultusministerkonferenz (KMK) am 02./03.06.05 hat absichern sollen.

Im Zuge der Auseinandersetzung erfuhr der AStA nur zufällig von der Informationsveranstaltung des Prorektors am 09.06.05, die an die Mitarbeiter der Hochschule gerichtet war. DieVeranstaltung bot technische Erläuterungen zur Verwaltung und Online-Administration von BA/MA. Verbindliche Dokumente standen auch dieses Mal nicht zur Verfügung. Das Rektorat deutete die Entscheidung der KMK, dass die BA/MA-Studiengänge keinesfalls die Regelstudienzeiten der Examensstudiengänge überschreiten und eine fachliche Differenzierung vergleichbar der des Lehramtes vornehmen sollten, nach seiner Zielsetzung, das Studium des Bachelor Vermittlungswissenschaften möglichst kurz zu halten.

Die Vorgaben einer Ordnung für BA/MA entzog das Rektorat der Kritik, indem es eine Übermittlung an den AStA vergaß und der Anfrage mit dem Vorwurf begegnete, es sei bereits "hochschulöffentlich bekannt"; außerdem gäbe es studentische SenatsvertreterInnen, die gefälligst den AStA informieren könnten - was Quatsch ist, denn die studentischen SenatsvertreterInnen werden unabhängig vom AStA gewählt und sind diesem zu nichts verpflichtet; ihre ehrenamtliche Aufgabe als SenatsvertreterInnen besteht weder darin, Sprachrohr für das Rektorat zu spielen, noch dessen Bekanntmachungen dem AStA mitzuteilen.

Der Führungsstil des Rektors hatte sich seit dem Verlust seines "IM's" im Jahr 2003 gewandelt: Seitdem wurden Anfragen ignoriert und verbindliche Vorgaben weitgehend zurückgehalten - sofern es solche überhaupt gab. Auf Kritik reagierte das Rektorat mit Empörung oder täuschender Rechtssicherheit und verwies auf zukünftige Beschlüsse externer Gremien (KMK). Wenn die Lage so eindeutig gewesen wäre, wie der Rektor im Flensburger Tageblatt vom 02.06.05 behauptete, warum hielt er verbindliche Auskünfte zurück? Auch die Tatsache, dass das Kieler Ministerium keine verbindliche Auskunft erteilen wollte, weist auf die Initiative des Rektorats der Uni Flensburg hin. Unterstützt wurde die Strategie des Rektorats durch Senatoren, die seit 2002 dem Senat angehören und deren Institute durch planvolle Mehrheitsgestaltung überdurchschnittliche Unterstützung erfahren haben. Derlei Entscheidungen dürften ebenso wie auch die Einführung von Verwaltungsgebühren im Jahr 2007 im Rahmen der "Prioritätensetzung des Rektorats" (Dunckel) gelegen haben.

Strukturwechsel ohne Mittelzuwachs

Bei der Umstellung auf BA/MA handelt es sich um einen "Strukturwechsel" (Rektor Dunckel), den nach seinen Worten nun alle Hochschulmitglieder "gemeinsam kreativ" anpacken sollen. Weitere Finanzmittel, z. B. zusätzliche Personalstellen zwecks Bewältigung der Umstellung oder Absicherung der Lehre, sieht seine Initiative nicht vor. Die neue Studienstruktur verschärft Fristen, zwingt zur Notengebung und bedeutet Bürokratisierung (mehr Kontrolle).

Ein Strukturwechsel bedeutet, dass neue Aufgaben zu bewältigen sind, für die bisherige Erfahrungen nicht ausreichen. Die Hochschule begann eine Umstellung, ohne über personelle Reserven zu verfügen. Die Online-Administration für BA/MA verspricht zwar eine Effizienzsteigerung für das Studierendensekretariat, bedeutet aber ebenso eine Steigerung des Aufwands für die Institute, die die Credit-Points und Noten vergeben müssen. Das Rektorat nahm für sein Projekt die Mehrarbeit des Hochschulpersonals in Kauf.

Die "Chancen und Herausforderungen" wollte Rektor Dunckel vom Personal der Uni "gemeinsam kreativ" bewältigt sehen, ohne dass weitere Stellen vom Ministerium akquiriert werden konnten. Der Mangel an Unterbau offenbarte den ideologischen Charakter der Motivationsansagen. Alle sollten unter Ableistunge von Mehrarbeit den "Strukturwechsel" durchziehen - zum Ruhme der Universität Flensburg und ihrer Führung, die ein Experiment ablieferte, wie eine Hochschule mit einer bekanntermaßen unterdurchschnittlichen Personalausstattung größere Veränderungen bewältigt. Andere Hochschulen werden dem Versuch der Flensburger Profilierung - neue Struktur bei gleichen Mitteln - folgen. Für diesen Versuch sollte drei Jahre später eine Rechnung präsentiert werden - den Studierenden.


2005/06 - 2. Akt: Das Drama

Was bedeutete das für Studierende?

Studierende, die sich zum Wintersemester 2005/2006 für BA/MA an der Uni eingeschrieben hatten, waren/sind Teil eines Experiments. Ein politischer Wille wollte einen Strukturwechsel ohne zusätzliche Kräfte vollziehen. Die Studierenden waren gezwungen, sich mit den für sie vorgesehenen Änderungen irgendwie zu arrangieren.

Viele Veranstaltungen waren in der Anfangsphase 2005 überlaufen, weil sie von Examens- und BA-Studierenden zugleich besucht wurden. Der Einwand wurde zwar vom Prorektor zurückgewiesen, da die absolute Zahl der Studierenden nicht gestiegen sei (dafür sollte der Numerus Clausus sorgen); Zahlen über die Verteilung konnte er nicht nennen. Über den BA wurde die Teilnahmepflicht nochmals verschärft, da die DozentInnen teilweise den Studierenden nicht zutrauen, über die Teilnahme bzw. ihren Lernplan selbst zu entscheiden. Trotz der Verschärfung der Anwesenheitspflicht standen keine weiteren, größeren Räume zur Verfügung, was der Logik der BA-Planer entsprach, da sie ja keine zusätzlichen Stellen vorgesehen hatten.

Offenbarungseid der Verantwortlichen

Prorektor Mittrowann stellte am 30.11.06 nach einer Kontroverse am Tag zuvor im Senat per E-Mail sehr offen klar:
"... in der gestrigen Senatssitzung ist im öffentlichen Teil vor Publikum der Eindruck erzeugt worden, dass die Einführung der BA-MA-Studienstruktur für das Lehramt durch äußeren Druck erfolgt sei. Seitens des Rektorats möchte ich hiermit klarstellen, dass die Initiative zu dieser Umstellung von der Universität Flensburg ausging. Im Rahmen der Begehung durch die Erichsen-Kommission [2002/2003] ist diese Maßnahme als eine Aktivität eingebracht worden, welche die Innovationskraft und Flexibilität dieser Universität dokumentieren sollte. Auch Personen, die damals an dem Prozess nicht aktiv beteiligt waren, hätten durch gewissenhaftes Quellenstudium die korrekte Historie dieses Verfahrens feststellen können.
Weiterhin wurde in der Senatssitzung die Informationspolitik des Rektorates bemängelt. Information ist eine Bring- und Holschuld. Seitens des Rektorates muss ich feststellen, dass zur Frage POLI-Abwicklung und Stand der Entwicklung BA-Studiengänge Vermittlungswissenschaften je eine große Informationsveranstaltung durchgeführt wurde, zu der auch alle Lehrenden der Universität Flensburg eingeladen waren. Leider war die Teilnahme in beiden Veranstaltungen durch die benannte Personengruppe sehr gering. Die Bringschuld wurde eingelöst. ..." (Mail von Prorektor Mittrowann an alle Mitarbeiter am 30.11.06)

Das bedeutet:
1. Das Rektorat hat die Lehramtsstudiengänge umgestellt, weil es sich davon eine Profilierung für seine Universität versprach. Die Erichsen-Kommission hatte "diese Maßnahme als eine Aktivität eingebracht", und das Rektorat hat sie als die Aktivität ausgewählt. Rektor Dunckel stritt diese Initiative des Rektorats noch im Herbst 2007 im Anschluss an die Erstsemesterbegrüßung ab. Er warf den Studierendenvertretern sogar vor, sie seien "schlecht informiert" und versuchte, sich hinter den "EU-Beschlüssen" (die tatsächlich keine waren) zu verstecken.
2. Der AStA hat die Informationspolitik nicht als einziger kritisiert und sich bereits frühzeitig in 2005 um mehr Informationen bemüht. Diese Informationen hat den Studierendenvertretern das Rektorat verwehrt. Seitens des Rektorats bestand kein Interesse, dem AStA Material zu liefern, und eine "Bringschuld" wurde zu keiner Zeit des dreijährigen Bachelors Vermittlungswissenschaften seit 2005 eingelöst. Der Vorwurf, die Studierendenvertreter seien "schlecht informiert", wird daher vom Verursacher dieses Defizits, Rektor Dunckel, erhoben (Angriff als die beste Verteidigung?).

Cui bono?

Cui bono? - Von der Mehrarbeit aller Hochschulmitglieder profitiert vor allem eine Person. Während der Prorektor wesentlich die Umstellung begleitet und vorangetrieben hat im Stile "vollendeter Tatsachen", hatte der Rektor Gelegenheit, den sparsamen "Strukturwechsel" als seinen alleinigen Verdienst zu vermarkten und sich auf dem hochschulpolitischen Markt für höhere Aufgaben zu empfehlen, um nicht wieder in den Niederungen der Lehre werkeln zu müssen, in denen er wenig Zuspruch erhielt.

Hinweis aus Kiel

Der bildungspolitische Experte der FDP sollte im Zuge einer Debatte zur Lage der Uni Flensburg am 11.09.08 im Kieler Landtag verkünden:
"... Im Rückblick ist außerdem noch folgendes zu sagen: In den letzten Jahren ist wiederholt - auch hier im Landtag von Vertretern anderer Fraktionen - die Uni Flensburg für ihren frühzeitigen Umstieg auch die neuen konsekutiven Studiengänge gelobt worden, während die Universität Kiel, die diesen Wechsel ja erst zum vorigen Wintersemester vollzogen hat, nicht selten für ihr angeblich zu langsames Vorgehen gescholten worden ist. Im Nachhinein erweist es sich jedoch als eine sehr vernünftige und sachgerechte Enscheidung, den vom Land forcierten Umbau der Studienstruktur nicht "hopplahopp" - ohne zeitnahe Akkreditierung der neuen Studiengänge - vorzunehmen. Eine größere Sorgfalt bei der Entwicklung der neuen Studienangebote hätte auch in Flensburg gut getan. Dann wäre uns und vor allem den Studierenden der nun dort entstandene Schaden erspart geblieben. ". (Ekkehart Klug, Redeauszug aus dem Kieler Landtag vom 11.09.08)


2008 - 3. Akt: Die Quittung

Akkreditierung? - Nix da!

Im Juli 2008 erhielt das Rektorat die Quittung für seinen Bachelor-Ehrgeiz: Das Institut ZEvA aus Hannover verweigerte der Hochschule die Akkreditierung des Studiengangs Bachelor Vermittlungswissenschaften. Bezahlt hatten diese Quittung - wie immer in Demokratie und Marktwirtschaft - die Schwächsten: Die studentischen AbsolventInnen des Bachelor hatten nach drei Jahren Anstrengungen eine Urkunde erhalten, deren Wert mangels Akkreditierung für andere Hochschulen sehr niedrig sein muss. Sie waren damit darauf verwiesen, was ihnen die Flensburger Hochschule an konsekutiven Studienoptionen bieten konnte: Das, so zeigte sich auf einer Informationsveranstaltung am 22.05.08, sollte ein einmaliger, da bloß einjähriger Master-Studiengang sein. Auch hier wollte die Uni unbedingt wieder die Maxime erfüllen, dass die Bachelor-Master-Struktur das Studium gegenüber dem Staatsexamen keinesfalls verlängern, d. h. länger als 4 Studienjahre auslegen durfte.

Der Grund des Makels

Das ZEvA-Institut verweigerte die Akkreditierung ausgerechnet mit dem Mangel, der der Hochschule und dem Kieler Ministerium seit Jahren und bereits 2005 vor der Durchführung des "Strukturwechsels" bekannt war: Einer nicht ausreichenden Ausstattung an Personal, die die Qualität der Lehre erheblich in Zweifel zog. In einigen Instituten genügte die personelle Besetzung den bundesweiten Anforderungen für die Akkreditierung nicht. Das Kriterium der Vergleichbarkeit war aufgrund des Mangels nicht erfüllt. In einem Fall wurde ein Mangel an einem Institut diagnostiziert, das Rektor Dunckel Jahre zuvor (2001) herabstufen wollte, indem er für die Besetzung der vakanten Professur am Institut für Philosophie die Einführung einer Juniorprofessur ansetzte.