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Es ist mal wieder soweit: Wahlen an der Uni! Alle Infos findest du hier.
Wie der geneigte Studierende die Kandidaten seines/ihres Vertrauens wählen kann, findet ihr bei der "Sendung ohne Maus" vom CampusTV Flace.24
Prognose zur Studiensituation
"Wenn wir zum Guten dieser Welt gelangen,
dann heißt das Beßre Trug und Wahn."
(Johann Wolfgang Goethe )
Einleitung
Ein hoffnungsvolles, rosiges Bild der zukünftigen Studienmöglichkeiten an den Hochschulen aufzuzeigen, wäre schön. Da auf Schönfärberei schon andere, ParteienpolitikerInnen und Pressesorgane, spezialisiert sind, zeichnen wir ein realistisches Bild. Es gilt das Prinzip der Segler: Auf das Beste hoffen und sich auf das Schlechteste einrichten.
Nur dient dieses wohlmeinende Prinzip dem Schutz vor Gewalten der sogenannten »1. Natur«. Gesellschaftlich (»2. Natur«) fehlt ihm dagegen als Prinzip die allgemeine Geltung, denn die Folgen politischer Gewalt werden viele, die sich gesellschaftlich auf das Schlechteste eingerichtet zu haben glaubten, trotzdem treffen. Gesellschaft sollte, würde sie von der Mehrheit der Menschen bewusst mitgestaltet werden, gerade nicht urwüchsigen Natur-Charakter haben und naturgesetzlich erscheinen.
Am 20. Februar 2004 hat der Bremer Sozialhistoriker Karl Heinz Roth auf der Aktionskonferenz des Bremer Bündnisses gegen Sozialkahlschlag eine Rede gehalten. Inhaltlich beeinflusst wurde sein Beitrag durch die "Reformen" der Regierung der letzten Zeit. Welche Folgen haben sie?
Verschärfte Konkurrenz
Studierende sind in vielen Betrieben gern gesehene, weil billige und vorgebildete Arbeitskräfte mit (Fach-)Hochschulreife. Bald werden sie mit ebenso billiger Konkurrenz konfrontiert sein. Roth stellt fest:
"Die auf abhängige Erwerbsarbeit Angewiesenen werden [durch die Hartz-Reformen, Stufe I-IV] weitgehend entrechtet. Die Sozialfonds für Erwerblose werden auf ein Minimum zusammengestrichen. Der Bezug der bisherigen Arbeitslosenhilfe wird auf das Niveau der Sozialhilfe zurückgeführt und mit dieser gleichgesetzt. So nimmt das seit längerem verfolgte Projekt der Arbeitserzwingung konkrete Gestalt an. Das Ergebnis ist die massive Ausweitung des Sektors ungeschützter Arbeitsverhältnisse, die schon jetzt mehr als die Hälfte des gesamten Arbeitsvolumens ausmachen, und die endgültige Abkehr vom Modell der »Kernbelegschaften«."
Bisher konnten sich Studierende ihr Studium entscheidend durch Jobs finanzieren. Zukünftig müssen sie verschärfte Konkurrenz durch Erwerbslose befürchten. Roth konstatiert: "Auch in Deutschland hält die Arbeitsarmut Einzug. Auf die weitgehende Auflösung der Sozialfonds für Erwerbslose folgt die breite Einführung eines Niedriglohnsektors."
Studienfinanzierung?
Haben Studierende bei dem Einsatz um immer weniger Jobs das Nachsehen, gefährdet es die Finanzierung des Lebensunterhaltes und damit das Studium. Die politisch durch Leistungskürzung produzierte große Nachfrage an (verzweifelt) Jobsuchenden wird das Niveau der angebotenen Löhne drücken, wenn nämlich ein großes Angebot an Arbeitskräften auf eine kleinere Nachfrage nach derselben trifft. Auch dies gefährdet die Studienfinanzierung und reduziert (zusätzlich zu Studiengebühren) die Konsumausgaben von Studierenden - auch zum Nachteil der Gastronomie und Kulturangebote in den Hochschulstädten.
Hinzu kommt: "Das Gesundheitswesen wird auf allen Strukturebenen um ein Drittel demontiert und zugleich verteuert. Die Kranken sind seit Jahresbeginn [2004] mit weiteren Gebührensteigerungen konfrontiert, die auf mehreren Ebenen greifen. Auf diese Weise wird in allen Strukturbereichen die Privatisierung vorangetrieben."
Das harmlos erscheinende Wort "Privatisierung" hat es in sich. Es bedeutet: Privatisierung von Gewinnen ("shareholder-value" aus Unternehmenssicht, deren Lohnkosten sinken) und breite Sozialisierung von Kosten, die mit der Privatisierung von Risiken auf diejenigen korrelieren, welche sich die Kosten nicht mehr leisten können. Die Folge: Der medizintechnische Fortschritt des Jahres 2004 n. Chr. ist immer weniger Menschen zugänglich.
Roth prognostiziert: "Ein weiterer Schritt zu Dehumanisierung des gesellschaftlichen Lebens wird durch die Beschränkung des Zugangs zu den Ressourcen des Gesundheitswesens eingeleitet. Wer kein ausreichendes Einkommen hat, um den Wechselfällen einer schweren Erkrankung zu begegnen, wird seine gesamten Ersparnisse in die Waagschale werfen oder auf die Errungenschaften der neuen – und kostspieligen – Gesundheitstechnologie verzichten müssen. Auf diese Weise wird eine alte und bittere Parole wieder belebt: Weil du arm bist, mußt du früher sterben."
Wer jedoch "seine gesamten Ersparnisse" einsetzen muss, dem fehlt dieses Geld später in der Rentenzeit oder bei außergewöhnlichen Anforderungen. Die meisten Studierenden haben aufgrund ihres jungen Alters noch wenig gesundheitliche Beeinträchtigungen, was sie aber sehr schnell ändern kann, wenn sie aus Kostengründen eine billige aber gesundheitsschädigende Wohnsituation (Verkehrslärm und -dreck) akzeptieren müssen.
Folgen fürs Bildungswesen
Für das Bildungswesen erwartet Roth ebenfalls wenig Gutes:
"Auch im Bildungssektor werden drastische Abbaumaßnahmen vorangetrieben. Parallel dazu werden vor allem finanziell greifende Zugangshürden [Studiengebühren, zusätzlich zu steigenden Lebenshaltungskosten bei stagnierenden Löhnen] errichtet. Die pluralistisch-demokratischen Strukturreste in Ausbildung und Forschung sind Makulatur geworden und werden auch hier von den Berufsschulen bis zu den Universitäten einer rasch um sich greifenden Privatisierungsoffensive geopfert. Unter dem zunehmenden Anpassungs- und Selektionsdruck wächst die Bereitschaft vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ihre Denk- und Forschungsstrukturen der Scheinlogik der Märkte zu unterwerfen. Die Gefahr wächst, daß die in Jahrhunderten gewachsenen Fähigkeiten zur kritischen Systemreflexion über die Geschichte und Perspektiven der Gesellschaft beseitigt werden.", prognostiziert Roth.
Dieser Einschätzung entspricht die gesetzliche Stärkung der Rektorate der Hochschulen durch geänderte Hochschulgesetze. Demokratische Gremien behalten nur noch Aufsichtsfunktionen gegenüber dem Rektorat als Hochschulmanagement. Pragmatisch wird nachträglich im Gesetz verankert, was durch Mittelkürzungen bereits praktiziert wird: Ohne Finanzspielräume keine Verteilungsdebatten. Auch manche ProfessorInnen passen sich der Marktlogik an und unterstützen die Einführung von Studiengebühren - wenn man bedenkt, dass sie sie selbst Besserverdienende sind und ihr eigenes Studium noch gebührenfrei war: eine gemeine Entsolidarisierung.
Rentenkürzung
Bisher wurde die Studienzeit teilweise auch auf die Rentenzeit angerechnet. Auch dieses soll sich, zum Nachteil für Studierende, ändern:
"Inzwischen werden auch die Bezieher von Altersrenten in den Strudel der Sozialdemontage hineingezogen. Durch hinterhältige Eingriffe in die Leistungskataloge werden die Anwartschaftszeiten fortschreitend verlängert, die Anrechnungszeiten für die Berufsausbildung vollends gestrichen und die Zahlungen schrittweise auf unter 50 Prozent des vorher erzielten Arbeitseinkommens gedrückt."
Das bedeutet: Zusätzlich zu den durch die Job-Konkurrenz stagnierenden Einkommensmöglichkeiten müssen Studierende steigende Lebenshaltungkosten (Miete, Gesundheit) und voraussichtlich Studiengebühren entrichten. Gleichzeitig müssen sie sich zunehmend privat versichern (zum Profitnutzen der Versicherungswirtschaft), um gesundheitliche Leistungen zu erhalten und ihren politisch verursachten Rentenausfall zu kompensieren.
Unerwünschte Gäste
Während vor einiger Zeit der Bundeskanzler "Green-Cards" für Informatiker aus anderen Ländern gefordert hatte und das Land sich gegenüber ausländischen GaststudentInnen offen zeigt, sind MigrantInnen unerwünscht:
"Im Gegensatz zu diesen dramatischen Angriffen auf die soziale Sicherheit der Masse der Durchschnittsbevölkerung war die Marginalisierung der Migrantinnen und Migranten schon im Verlauf der letzten fünfzehn Jahre vorangetrieben worden. Die Gesellschaft hat sich an den Skandal der Heimunterbringung, der Aufenthaltsbeschränkungen und der Abschiebeknäste für Flüchtlinge gewöhnt. Bekanntlich wird aber an den Minderheiten nur durchexerziert, was letztlich allen bevorsteht ...", warnt Roth.
Die "offene Gesellschaft"(Karl Popper) zeigt, wer ihre "Feinde" sind: Arme Menschen, die in der Vergangenheit eigentumslos gemacht wurden und daher nun um fremde Zuwendungen betteln müssen. (Vergleiche mit der deutschen Geschichte unterbleiben an dieser Stelle.)
Folgen für Arbeit und Bildung
Roth beschreibt die Folgen für das zukünftige gesellschaftliche Leben:
"Alle, die ihre Arbeitskraft vermieten müssen, um leben zu können, geraten in allgemein ungesicherte Arbeitsverhältnisse. Als neue Form der »Vollbeschäftigung« entsteht ein breiter Niedriglohnsektor. Um ihr Dasein zu fristen, müssen immer mehr Menschen ihren Arbeitsalltag nacheinander auf drei oder vier miserable Jobs verteilen. Ihre Arbeitszeiten steigen dramatisch, während ihre Einkommen sinken. Sie sind zur Arbeitsarmut bis ans Lebensende verurteilt. Wer hätte es vor 20 Jahren für möglich gehalten, daß angesichts der rasanten Produktivkraftentwicklung der Kampf für den Achtstundentag und ein freies Wochenende jemals wieder zu einem Hauptanliegen ... werden könnte?"
Obwohl die gesellschaftliche Reproduktion (Anbau von Lebensmitteln, Rohstoffgewinnung) durch Technikeinsatz immer produktiver wird und immer weniger menschliche Arbeit erfordert, soll die in den 80er Jahren gewerkschaftlich erkämpfte 35-Stunden-Woche nicht mehr möglich sein?! Angesichts der brachliegenden Produktivkraft von ca. 5 Millionen Erwerbslosen ist das widersprüchlich, unlogisch. Und es waren die "notwendigen" Massenentlassungen, welche diese Menschen um ihre Erwerbsmöglichkeiten gebracht haben.
Auch für das Bildungswesen sieht er die Zukunft alles andere als prosperierend:
"Als besonders folgenreich werden sich die Eingriffe in das Bildungs- und Wissenschaftssystem erweisen. Es entstehen neue Zugangsbarrieren auf allen Ebenen. Wissenschaftliche Qualifikationen werden sich nur noch die Kinder der einkommensstarken Gewinner des neokonservativen Umbruchs aneignen können. Mit dieser »elitären« Neuorientierung wird die Marginalisierung des selbstkritischen gesellschaftlichen Reflexionsvermögens einhergehen."
Reflexion benötigt Zeit. Aber Zeit wird in dieser Gesellschaft mit Geld gleichgesetzt. Wer sich also Zeit nimmt, verliert Zeit für das erzwungenermaßen notwendige Geldverdienen. Reflexion bleibt auf der Strecke.
Fazit
Für die meisten Menschen verteuert sich das Leben. Zwar werden sie gleich besteuert aber - gemessen an ihrem Vermögen - ungleich belastet. Zukünftig werden sie privat sparen müssen für: Rente, Krankheit, Arbeitslosigkeit und Studium. In der Arbeitslosigkeit soll man diese Zeit dann auch noch von Erspartem finanzieren. Wie soll man aber sparen, wenn das allgemeine Lohnniveau durch ein Überangebot von Erwerbssuchenden gedrückt wird? Wenn der Lohn gerade die eigenen Kosten deckt, bleibt zum Sparen kein Überschuss übrig.
Wer an die Gründung einer Familie denkt, wird zusätzlich sparen müssen für die Kinder: Kosten für den Kindergarten, die Schule und das Studium der Kinder fallen zusätzlich an. Angesichts der anti-sparerischen Appelle der Werbung zum Konsumieren wird Maß halten oder gar Sparen vielen Menschen schwer fallen. An den Hochschulen wird es immer weniger Studierende aus den finanzschwachen Schichten geben.
Diese Entwicklung ist weder "natürlich" noch "normal", also kein gottgewolltes Naturgesetz. Vielmehr ist sie Ausdruck gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse und allgemeinen Bewusstseins. Wer wissen will, wo das "fehlende" Geld geblieben ist, der kann es selbst herausfinden: Spielerisch mit Parker's Monopoly oder aber analytisch bei der Lektüre ökonomiekritischer Klassiker.
Die herrschende Politik führt dazu, dass Menschen die Existenzmittel fehlen werden. Einer gesellschaftlichen Krise ist ihr Weg geebnet. Die einst mit der französischen Revolution 1789 verkündeten Ideale der bürgerlichen Gesellschaft (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) werden durch die politische Ökonomie wieder einkassiert. Was sich in Formen der Technologie fortschrittlich entwickelt, regrediert auf seiner sozialen Basis.
Schluss
1974 - vor genau 30 Jahren - warnte Hans-Jochen Gamm, Professor für Erziehungswissenschaft an der Technischen Hochschule Darmstadt:
"Wer lediglich das bewahren möchte, was er heute an gesellschaftlichen Strukturen wahrnimmt, wird unabhängig von seinem politischen Standort die Demokratie zerstören. Denn diese politische Existenzform lebt nur, insofern der Emanzipationsprozeß weitergeht, morgen mehr an Selbstverfügung, Kooperation, Solidarität und Kritikvermögen vorhanden sein wird als heute. Nur wenn die Zahl der mündigen Bürger ständig wächst, werden sich die Probleme der nächsten Jahrzehnte und des 21. Jahrhunderts ... lösen lassen." (Gamm, S. 124)
Bezüglich der Investitionen ins Bildungssystem hat die Parteienpolitik diese Warnung in den letzten 30 Jahren ignoriert, wie statistische Vergleiche mit ärmeren Ländern (z. B. Mexiko) belegen. Die Folgen, u. a. diagnostiziert in PISA, sind an Schulen landesweit zu besichtigen.
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Quellen
ROTH, Karl Heinz: Umbruch in Deutschland. Rede, Bremen 2004
( junge Welt, http://www.jungewelt.de/2004/03-19/003.php )
GAMM, Hans-Jochen: Einführung in das Studium der Erziehungswissenschaft. Überarbeitete und aktualisierte Ausgabe. Reinbek: Rowohlt 1978
International
Zeitgleich zu dieser Prognose hat Spiegel online am 24.03.04 einen Artikel über die Situation in den USA online publiziert - erwähnenswert, weil aus den USA vieles nach Europa gelangt.
STREITZ, Matthias: Fleißig, hungrig, zahnlos. Rezension von: SHIPLER, David K.: The Working Poor: Invisible in America; New York 2004
(Spiegel, http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,291820,00.html )
[leider inzwischen kostenpflichtig]


