Zum Verhältnis von Praxis und Theorie

Einleitung

Praxis und Theorie sind zwei Begriffe, in deren Verhältnis zueinander häufig ein Widerspruch vermutet wird, obwohl sie tatsächlich in einem rationalen Verhältnis zueinander stehen. Behauptet wird, die an der Hochschule vorgestellten Theorien, insbesondere die, welche Gesellschaft bzw. Erziehung und Bildung zum Inhalt haben, könne man häufig nicht für die Praxis gebrauchen. Diese These legt an Theorie den Maßstab der unmittelbaren Anwendbarkeit auf die Praxis an: Ein bloßes "Funktionieren" der Theorie gilt als ihr pragmatischer Beleg.

"Theorie und Praxis" wird oft kopfschüttelnd als Gegensatz gesehen, ohne dass ihr wechselseitiges Verhältnis begriffen würde. Auf die erlebte gesellschaftliche bzw. erzieherische Praxis sei die (jeweils bekannte) Theorie nicht anwendbar, man könne sich nicht nach ihr verhalten. Theorie ist nach diesem Verständnis ein Plan oder eine Richtlinie, die auf die Wirklichkeit anzuwenden wäre. Theorie "versagt" scheinbar, wenn sie nicht in der Praxis hilft.

Es handelt sich um ein älteres Problem, das schon einen bekannten Philosophen beschäftigt hat.

Königsberger Klassiker (1793) Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis.

"Man nennt einen Inbegriff selbst von praktischen Regeln alsdann Theorie, wenn diese Regeln als Prinzipien in einer gewissen Allgemeinheit gedacht werden, und dabei von einer Menge Bedingungen abstrahiert wird, die doch auf ihre Ausübung notwendig Einfluß haben. Umgekehrt heißt nicht jede Hantierung, sondern nur diejenige Bewirkung eines Zwecks Praxis, welche als Befolgung gewisser im Allgemeinen vorgestellten Prinzipien des Verfahrens gedacht wird.

Daß zwischen der Theorie und Praxis noch ein Mittelglied der Verknüpfung und des Überganges von der einen zur anderen erfordert werde, die Theorie mag auch so vollständig sein, wie sie wolle, fällt in die Augen; denn zu dem Verstandesbegriffe, welcher die Regel enthält, muß ein Actus der Urteilskraft hinzukommen, wodurch der Praktiker unterscheidet, ob etwas der Fall der Regel sei oder nicht; und da für die Urteilskraft nicht immer wiederum Regeln gegeben werden können, wonach sie sich in der Subsumtion zu richten habe (weil das ins Unendliche gehen würde), so kann es Theoretiker geben, die in ihrem Leben nie praktisch werden können, weil es ihnen an Urteilskraft fehlt: z. B. Ärzte oder Rechtsgelehrte, die ihre Schule gut gemacht haben, die aber, wenn sie ein Consilium zu geben haben, nicht wissen, wie sie sich benehmen sollen. - Wo aber diese Naturgabe auch angetroffen wird, da kann es doch noch einen Mangel an Prämissen geben; d. i. die Theorie kann unvollständig und die Ergänzung derselben vielleicht nur durch noch anzustellende Versuche und Erfahrungen geschehen, von denen der aus seiner Schule kommende Arzt, Landwirt oder Kameralist sich neue Regeln abstrahieren und seine Theorie vollständig machen kann und soll. Da lag es dann nicht an der Theorie, wenn sie zur Praxis noch wenig taugte, sondern daran, daß nicht genug Theorie da war, welche der Mann von der Erfahrung hätte lernen sollen, und welche wahre Theorie ist, wenn er sie gleich nicht von sich zu geben und als Lehrer in allgemeinen Sätzen systematisch vorzutragen im Stande ist, folglich auf den Namen eines theoretischen Arztes, Landwirts und dergl. keinen Anspruch machen kann. - Es kann also Niemand sich für praktisch bewandert in einer Wissenschaft ausgeben und doch die Theorie verachten, ohne sich bloß zu geben, daß er in seinem Fache ein Ignorant sei: indem er glaubt, durch Herumtappen in Versuchen und Erfahrungen, ohne sich gewisse Prinzipien (die eigentlich das ausmachen, was man Theorie nennt) zu sammeln und ohne sich ein Ganzes (welches, wenn dabei methodisch verfahren wird, System heißt) über sein Geschäft gedacht zu haben, weiter kommen zu können, als ihn die Theorie zu bringen vermag.

Indes ist doch noch eher zu dulden, daß ein Unwissender die Theorie bei seiner vermeintlichen Praxis für unnötig und entbehrlich ausgebe, als daß ein Klügling sie und ihren Wert für die Schule (um etwa nur den Kopf zu üben) einräumt, dabei aber zugleich behauptet: daß es in der Praxis ganz anders laute; daß, wenn man aus der Schule sich in die Welt begibt, man inne werde, leeren Idealen und philosophischen Träumen nach gegangen zu sein; mit Einem Wort, daß, was in der Theorie sich gut hören läßt, für die Praxis von keiner Gültigkeit sei."

Quelle: KANT, Immanuel: "Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis.". In: ders.: Schriften zur Geschichtsphilosophie. Stuttgart: Reclam 1974, S. 118 f.

Ein Befund

Was ist zu beobachten? HochschulabsolventInnen scheinen eine systematische Reflexion ihres Handelns zu vernachlässigen und vor allem Anforderungen der Berufspraxis zu folgen. Vielen erscheint das Verhältnis von Theorie und Praxis als ein Widerspruch; Theorie wird nicht begriffen als systematische Darlegung der Bedingungen praktischen Handelns, die bei veränderter Praxis der erneuten Prüfung ggf. Revision bedarf, sondern sie wird gedeutet als ein Plan, der instrumentell in der Praxis anwendbar sein solle bzw. nicht erwartungsgemäß funktioniere. Selten wird der Unterschied zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften reflektiert. 

Vom Defizit in den Geisteswissenschaften

Dieses Verständnis ist Ausdruck eines erkenntnistheoretischen Defizites der Bildung an der Hochschule, insbesondere in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, und ein Ausdruck von falschen Erwartungen und zu wenig theoretischer Reflexion auf gesellschaftliche Bedingungen insgesamt: Der Blick auf die Bedingungen von Praxis, auf ein wechselseitiges Verhältnis von Praxis und Theorie, auf Theorie, die eigentlich systematisch auf Praxis reflektieren sollte, wird nicht entwickelt und geschärft. Daher dominiert schulpraktisches Wissen, bekannt als "die Praxis". In den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften bestehen unterschiedliche Auffassungen darüber, welchen Prinzipien der Gesellschaft, dem organisierten Zusammenleben von Menschen, zugrunde liegen.

Zur Praxis in den Naturwissenschaften

Eindeutiger ist die Verfahrensweise im Bereich der Naturwissenschaften. Die Erkenntnis folgt den Prinzipien, die in der Natur vorzufinden sind. Im Rahmen wissenschaftlicher Forschung werden bei Versuchen Phänomene beobachtet. Die objektiv festgestellten Phänomene werden erfasst und in Beziehung zueinander gesetzt. Zu beobachten sind verschiedene Phänomene; treten die Phänomene unabhängig voneinander auf, oder stehen sie sogar in einer konsekutiven oder kausalen Beziehung? - Zum Beispiel der Einsturz von Hochhäusern am 11.09.2001 in New York: Handelte es sich um zwei voneinander unabhängige Ereignisse (Flugzeugeinschläge; Hochhauseinstürze), oder lässt sich eine Kausalität beweisen (Weil Flugzeuge eingeschlagen sind, stürzten die Hochhäuser ein.)?

Das gesellschaftliche Kriterium naturwissenschaftlicher Forschung ist ihre funktionale Anwendbarkeit in Gesellschaft. Weitere Forschungsversuche müssen zeigen, ob die ursprünglichen Thesen bei wiederholten praktischen Versuchen haltbar sind oder nicht. Falsche Schlussfolgerungen ziehen Fehler bei der praktischen Anwendung nach sich, so dass unerwünschte, d. h. unerwartete Resultate folgen, also Technik unabsehbare Folgen hat (Wenn Fehler in der Statik vorliegen, können z. B. Gebäude einstürzen.). Eine ursprüngliche These muss dann revidiert und nach einer widerspruchsfreien Erklärung geforscht werden. Sobald das in der Natur wirksame Prinzip verstanden, in einer Versuchspraxis objektiv nachvollzogen und theoretisch erklärt worden ist, lässt es sich für die Praxis zielgerichtet verwenden. Die praktische Verwendung ergibt unter neuen, nicht vorhersehbaren Konstellationen neue Erkenntnisse, die möglicherweise dazu führen, dass die Theorie ergänzt werden muss (z. B. dienen die Erkenntnisse der Unfallforschung dazu, Fahrzeuge sicherer zu machen). Das Interesse bei naturwissenschaftlicher Theorie liegt in ihrer funktionalen Anwendung - im Gegensatz zu gesellschaftswissenschaftlicher Theorie, die Gegenstand politischen Streits ist.

Bemerkenswert ist, dass die Anwendung von Technologie funktioniert, ohne dass die Anwender häufig das Funktionsprinzip verstanden hätten (z. B. bei Computern oder Handys). Die Anwendung von Technik funktioniert trotzdem, der Eingriff bzw. die Reparatur der Technik muss aber in Unkenntnis des Funktionsprinzips scheitern. Ähnlich ist es mit der Gesellschaft: Sie funktioniert, ohne dass den meisten Menschen das Prinzip, das ihr zugrunde liegt, bewusst wäre. Obwohl alle Möglichkeiten vorhanden wären, dieses Prinzip zu lehren, wird seine Existenz verschleiert, z. B. indem Pädagogik entpolitisiert wird.

Kritik an der Schule

An der Hochschule zeigt sich, was die Schule zuvor nicht geleistet hat: Die Befähigung zur systematischen Reflexion auf Gegenstände und die Rückführung von Erscheinungen auf ihnen zugrunde liegende Prinzipien. Während dem in der Schule praktizierten Leistungslernen werden Kenntnisse und Erkenntnisse vor allem nach ihrer Brauchbarkeit und Funktionalität geprüft und gewertet. Wenn Schule die Reflexion auf Wahrheit vernachlässigt, fehlt es später an einer systematischen Erklärung von Schule und Welt: an Theorie. Die Abhängigkeit von der Benotung durch den Lehrer erzieht zum pragmatischen Denken: "Kenntnisse und Erkenntnisse prüft man nicht auf ihre Vernunft und ihren Wahrheitsgehalt, sondern getrennt davon allein auf ihre Brauchbarkeit.", kritisiert Huisken den bloßen Funktionscharakter des schulischen Wissens.

Quelle: HUISKEN, Freerk: Erziehung im Kapitalismus. Von den Grundlügen der Pädagogik und dem unbestreitbaren Nutzen der bürgerlichen Lehranstalten. Hamburg: VSA 1998, S. 280

Fazit

Dass es am Verständnis des Verhältnisses von Praxis und Theorie mangelt, dass ihr wechselseitiges Verhältnis nicht begriffen wird, ist ein Ausdruck mangelnder Reflexion bzw. der in der Schule abgebrochenen Lernprozesse, die durch das Leistungslernen bedingt sind. Es besteht ein zu wenig an Reflexion, an systematischer Erklärung, an Theorie; und deshalb erscheint das Verhältnis von Praxis und Theorie fälschlich als ein Widerspruch. Tatsächlich entspricht es, vereinfacht formuliert, der Wechselbeziehung von Hand- und Kopfarbeit, deren Einheit durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung aufgehoben wurde/ist.