Zur Existenz von Wahrheit

Einleitung

Mag die Erklärung des Wortes Theorie als systematische Erklärung eines Prozesses noch einfach und besonders in den Naturwissenschaften selbstverständlich sein, verhält es sich mit dem Begriff Wahrheit in Anwendung auf Wissenschaft, die gesellschaftliche Phänomene ergründet, widersprüchlicher. Warum?

Subjekt und Objekt

Es erscheint einfach: Zwei Menschen verständigen sich als Subjekte über einen gemeinsam wahrgenommenen Gegenstand, ein Objekt. Im Prozess(!) ihres Austausches entdecken sie objektiv Gemeinsamkeiten und subjektiv Unterschiede. Letztere regen den Dialog an und werden von den Subjekten in ihren Thesen auf ihre Widersprüchlichkeit bezogen auf das Objekt geprüft. Der Prozess der Untersuchung und des Dialoges führt zu dem, was beide als gemeinsam, objektiv gültig anerkennen. Der Akt der Wahrnehmung mag sich ändern, wenn sich die objektiven Umstände ändern, z. B. wenn Menschen durch Arbeit neue Technologie hervorbringen und anwenden.

Vertraute Einwände

Dann gibt es die Einwände, die zunächst als vertraute Zweifel erscheinen:
1.) "Wahrheit kann man nicht erkennen."
2.) Weil 1. gilt, sind die vorliegenden Gegenstände nicht (vollständig) erklärbar.
3.) "JedeR verfügt über eine subjektive Wahrnehmung, sieht deshalb die Welt mit anderen Augen und hat daher eine andere Wahrheit."
4.) Wahrheit sei nicht für alle erkennbar.
5.) Der Wahrheitsbegriff ist tückisch, wie folgendes Paradoxon zeigt: Ein Mann aus Kreta teilt Menschen aus anderen Gegenden mit: "Alle Leute von Kreta lügen." Den Satz auf sich selbst angewendet, müsste auch der Mann selbst lügen, also alle Leute von Kreta immer die Wahrheit sagen. Kann man dieser Aussage vertrauen?
6.) "Dass es die Wahrheit gibt, muss erst bewiesen werden."

Logische Widerlegung

Zu 1.) Die Aussage gilt als Wahrheit, an welcher der Redner festhalten will. Er/Sie negiert etwas, was für die Aussage selbst in Anspruch genommen wird. Jedes Urteil soll nicht oder nur bedingt wahr sein, bis auf das, das in diesem Satz ausgedrückt ist. Das Urteil wird aber nicht auf den eigenen Satz angewendet. Sonst müsste es heißen: Wahrheit gibt es nicht - das kann stimmen oder auch nicht. Das Urteil bestreitet Wahrheit, will aber gerade das eigene Urteil als wahr befinden.

Zu 2.) Über einen vorliegenden Gegenstand wird ein Urteil gesprochen, dass dessen Erklärung nicht möglich sei. Voraussetzung für diese Aussage ist aber, dass man besagten Gegenstand bereits vollständig durchdacht hat, so dass erst am Ende(!) der Geistestätigkeit als seine einzige Bestimmung stehen kann: Er ist nicht zu erkennen. Dann kann aber die auf Punkt 1 aufbauende Aussage nicht stimmen, weil erst nach ausführlicher Untersuchung(!) der Gegenstand als nicht erkennbar vollständig bestimmt wurde.

Zu 3.) Zwei Behauptungen über ein erkennendes Subjekt werden getroffen: Erstens kennt es seine subjektiven Eindrücke und zweitens weiß es über diese, dass sie nur subjektiv sind und daher nicht mit objektiver Wahrheit zusammenfallen. Woher soll das Subjekt dies wissen? Vor lauter subjektiven Eindrücken kann es die Wahrheit nicht erkennen oder gar kennen! Wäre die Aussage zutreffend, liefe jeder Mensch subjektiv mit "seiner Wahrheit" herum, wäre aber unfähig zur Unterscheidung subjektiv/objektiv, könnte also keine objektiven Aussagen machen, also auch keine Aussage, die für alle Menschen gelten soll.

Zu 4.) Subjekte leben in einem objektiven Zusammenhang, der außerhalb ihrer selbst existiert, d. h. ein Subjekt ist nicht vorstellbar ohne einen Bezug auf ein Objekt außerhalb seiner selbst. Das Ich enthält das Nicht-Ich. Ein Subjekt ohne ein Objekt wäre reines Nichts. Die Aussage ist bezogen auf die gesellschaftlichen Machtverhältnisse zutreffend, da die Erkenntnis von Wahrheit in bezug auf Gesellschaft von Informationen abhängig ist, über die nur die Wenigsten verfügen und die Mehrheit schon gar nicht. Über den Anschlag des 11.09.01 gibt es eine Wahrheit, aber es gibt unterschiedliche Interessen, welche die Bekanntmachung der Wahrheit entweder fördern oder verhindern wollen, abhängig davon, was ihnen nützt. Dann gibt es die Differenz, dass den einen das Verhindern der Wahrheit subjektiv nützt während für die anderen die Bekanntmachung der Wahrheit ein objektiver Vorteil für die Mehrzahl der Menschen ist, indem sie sich nicht für die Politik der Verhinderer instrumentalisieren lassen.

Zu 5.) Ob der Satz des Mannes zutrifft, ist nicht überprüfbar. Das Paradoxon existiert auch nur in diesem Satz. Leute von Kreta sollen lügen, sobald sie etwas sagen. Aber die Kretaner sagen noch viele andere Dinge, fällen andere Urteile. Sie äußern sich zur Politik, zum Schulsystem, zur Ökonomie. Diese Aussagen sind auf reale Gegenstände bezogen und ihr Wahrheitsgehalt, die adäquate Beschreibung der Wirklichkeit durch das Wort, überprüfbar. Eine einfache Aussage wie "Das Bier ist warm und schal" lässt sich mittels eines Schluckes prüfen und verifizieren. Die Aussage bezüglich der Lüge ist konstruiert, um die Wahrheit selbst, die bei jedem anderen Urteil überprüfbar ist, zu problematisieren.

Zu 6.) Die Aussage setzt die Wahrheit als absolut, ohne dass sich an einem Gegenstand, einem Objekt prüfen ließe, ob die Aussage über dieses Objekt korrekt, der Übereinkunft über die Bedeutung des Wortes vorausgesetzt, entspricht. "Die Wahrheit" führt zur falschen Schlussfolgerung einer einzigen, absolut gesetzten und völlig abstrakten Aussage, jenseits eines Erkenntnisobjektes, eines Gegenstandes, den sie beschreiben soll. Das Streben nach richtiger Erkenntnis hat nichts mit der Suche nach der einen, allgemein gültigen Wahrheit zu tun, die es nicht gibt. Jeder Gegenstand hat seine eigenen Bestimmungen und damit seine eigene Wahrheit. Es gibt also so viele Wahrheiten, wie es Erkenntnisobjekte gibt, die von den Subjekten erkennbar sind. Die Frage nach der allgemein gültigen Wahrheit ist die Abstraktion von der Frage, was die richtigen Bestimmungen des vorliegenden Gegenstandes sind. Die eine Wahrheit ist eine Konstruktion, die sich von der Erklärung ihrer Gegenstände trennt. Ein Wissenschaftler hat die Existenz von Wahrheit auch nicht zu beweisen, da der ganze Wissenschaftsbetrieb zum Ausgangspunkt hat, dass er seine Gegenstände erklären und erfassen will und das objektiv. Jeder Wissenschaftler hat den Anspruch, etwas über seine Gegenstände und damit deren "Wahrheit" herausgefunden zu haben. Selbst an vorläufige Erkenntnisse wird der Maßstab der Wahrheit angelegt, bezogen allerdings auf den zugrunde liegenden vorläufigen, nicht 100%ig gesicherten Erkenntnisstand.

Nutzen, Interessen

Warum aber wird an Wahrheit gezweifelt? Da es Menschen sind, die da zweifeln, ist zu fragen: Cui bono? - Wem nützt es?(das Zweifeln) - Welche gesellschaftliche Gruppe, welche Menschen profitieren, haben Vorteile, wenn objektive Wirklichkeit und implizit Kritik an gesellschaftlichen Missständen geleugnet wird?
Das, was man als wahr gelten lassen möchte, ist auch am gesellschaftlichen Konsens orientiert. Dieser Konsens ist weniger Ausdruck einer allgemeinen Suche nach Wahrheit, sondern vielmehr vorherrschender Interessen und durch sie produzierter Ideologie, welche entsprechend Erziehung beeinflussen soll, damit die gewünschten Ableitungen und Schlussfolgerungen einleuchten. 

Zur Kritik der "absoluten Wahrheit"

Das Streben nach richtiger Erkenntnis hat nichts mit der Suche nach der einen, allgemein gültigen Wahrheit zu tun. Die absolut gesetzte Wahrheit gibt es nicht. Stattdessen hat jeder Gegenstand seine eigenen Bestimmungen und damit seine eigene Wahrheit. Es gibt damit so viele Wahrheiten, wie es Erkenntnisobjekte gibt.

Die Frage nach der allgemein gültigen Wahrheit ist die Abstraktion von der Frage, was die richtigen Bestimmungen des vorliegenden Gegenstandes sind. Sie sucht nach einer Wahrheit aller Wahrheiten und damit nach einer allgemeinen Formel, welche die ganze Welt erklären soll. Die eine, einzige Wahrheit ist bloß eine Konstruktion, die sich, absolut gesetzt, von der Erklärung ihrer Gegenstände trennt. Da sich die Wirklichkeit und mit ihr die Gegenstände fortlaufend verändern, verläuft das Denken und implizit die Bestimmung von Wahrheit in einem die Wirklichkeit adäquat bestimmenden Prozess.

Quelle
Prof. Dr. Freerk Huisken, Erziehungswissenschaftler an der Uni Bremen mit Veranstaltungen zur Erkenntnistheorie. Der Text ist einem Protokoll zur Reihe "Kritik bürgerlicher Wissenschaft" im Frühjahr 2003 an der Uni Bremen entnommen.

 


 

Wahrheit und Politik

"In Zeiten, da Täuschung und Lüge allgegenwärtig sind, ist das Aussprechen der Wahrheit ein revolutionärer Akt." George Orwell (1984)

Subjekte Wahrheit - oder: von der Unmöglichkeit, einem Urteil eine persönliche Note zu verleihen (contradictio, extern)