Geschichte des Semestertickets

anderswo    

Studierendenschaften in anderen Hochschulstädten haben es vorgemacht: Sie verwenden die Beiträge der Studierenden, um mit den Verkehrsbetrieben ein Verkehrsticket, gültig für die 6-monatige Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, zu vereinbaren. Das Verkehrsticket, genannt "Semesterticket", soll Studierenden eine preisgünstige Beförderung in Stadt und Region ermöglichen.
 

Sozialer und ökologischer Aspekt    

Es hat einen ökologischen und sozialen Aspekt: Ersterer besteht in der Unterstützung des öffentlichen Nahverkehrs als attraktive Alternative zum Individualverkehr; letzterer liegt in dem Solidarprinzip, dass ein Semesterticket preisgünstig zu haben ist, wenn eine soziale Gruppe signifikanter Größe, z. B. eine Studierendenschaft, es bezahlt; es ermöglicht auch finanzarmen Studierende eine Beförderung. Von diesen zwei Aspekten kann sich eine Stadt eine günstige Lenkungswirkung erhoffen, nämlich dass die Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs den innerstädtischen Individualverkehr vermindert - zum Vorteil der Lebensqualität innerhalb der Stadt.

Hochschulgesetz (HSG) des Bundeslandes Schleswig-Holstein    

Dies mag eine Rolle gespielt haben als am 4. Mai 2000 die rot-grüne Landesregierung das Hochschulgesetz im § 28 Absatz 1 Satz 4 modifizierte, so dass es lautete: Die Studierendenschaft hat die Aufgabe, "die wirtschaftlichen und sozialen Belange der Studierenden wahrzunehmen; dies kann auch Maßnahmen umfassen, die den Mitgliedern die preisgünstigste Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel ermöglichen...".
 

Verhandlungen, Akzeptanz     
In Flensburg setzten Überlegungen ein in den Studierendenschaften beider Hochschulen in 2000. Ergebnis war eine Umfrage zum Semesterticket im Wintersemester 2001/02, über welche Aushänge an einer Stellwand im Foyer der Universität informierten. Parallel führten Axel Pioch und Wolfgang John für die Studierendenschaft der Universität und Jan Solle für die Studierendenschaft der Fachhochschule mit den Verkehrsbetrieben Gespräche. Es gab mehrere zeitaufwendige Treffen und Verhandlungen, welche in einem Vertragsentwurf mündeten, der dem StudierendenParlament (StuPa) der Universität Flensburg am 21.03.02 zur Beratung vorlag.

Bis dahin hatte es an einer aussagekräftigen Akzeptanzforschung innerhalb der Studierendenschaft gefehlt. Daher unternahmen die Parlamentarier Marc Paysen und Timo Schmidt eine Umfrage(*.pdf (2002), *.pdf (2003)). Von 320 zwischen dem 08.04. bis 03.05.02 befragten Studierenden (~11% der Studierendenschaft) sprachen sich 65,3% für und 34,7% gegen ein Semesterticket zum ausgehandelten Preis von 28,50 EUR/Semester aus.

Beschlussfassung    
Auf einer Vollversammlung der Studierendenschaft am 06.05.02 informierten die genannten Personen über das Semesterticket. Eine Abstimmung der ca. 200 anwesenden Studierenden ergab ein Verhältnis von 2:1 für die Einführung des Semestertickets. Das StuPa tagte im Anschluss an die Vollversammlung und beschloss die Einführung eines Semestertickets und die dafür notwendige neue Beitragsordnung der Studierendenschaft.

Die Beitragsordnung enthält notwendig eine Regelung zur Beitragserstattung, wie es die Kieler Landesregierung bestimmt hat:
"...Dabei ist vorzusehen, dass Studierende von der Verpflichtung zur Zahlung dieses Beitragsanteils befreit werden können, wenn sie nach den Umständen des Einzelfalls eine unangemessene Belastung darstellen würde. Näheres wird durch die Beitragsordnung der Studierendenschaft geregelt..." (§ 28 Absatz 6 Hochschulgesetz Schleswig-Holstein)

Dem Zweck des Semestertickets würde es jedoch widersprechen, würde Erstattungsanträgen mit beliebiger Begründung stattgegeben. Dann würde das Ticket vergleichbar einer Monatskarte nach Bedarf gekauft werden. Allerdings wäre es dann wesentlich teurer und hätte seine Lenkungswirkung verloren. Daher gelten bei der Erstattung strenge Kriterien.

Inkrafttreten    
Am 29.05.02 führte der Vorstand des AStA den Beschluss des StuPa aus. Im Rathaus der Stadt Flensburg unterzeichneten Torsten Feltes und Marc Paysen für den AStA der Universität Flensburg den Vertrag zum Semesterticket mit den Vertretern der Verkehrsbetriebe in Gegenwart der (studentischen) Wegbereiter. Parallel zeichnete der Vorstand des AStA der Fachhochschule Flensburg.

Die Studierendenschaften beider Hochschulen hatten zunächst für ein Jahr ein Semesterticket erhalten, welches sich jeweils um ein Semester verlängert, wird es nicht gekündigt. Die Umsetzung des Vorhabens stand unter einem günstigen Stern, weil Zuschüsse an die Stadt vereinnahmt werden konnten. Der Umzug der Universität auf den Campus hatte eine gute Verkehrsanbindung gleichsam notwendig gemacht.

Protest    
Viele Studierende beklag(t)en den Zwangscharakter des Semestertickets, dass es eben jedeR bezahlen müsse, gleichgültig ob er/sie die Busse nutze oder nicht. Die oben genannten Aspekte ließen in der Sache die Entscheidung vertretbar erscheinen, das 2/3-Übergewicht der BefürworterInnen ebenfalls.

In den ersten zwei Semestern (Wintersemester 2002/03 und Sommersemester 2003) sammelte Jost Körlin als Mitglied des Kollektivvorstandes des AStA der Universität erste Erfahrungen, in welcher Form die Beitragserstattung praktisch durchzuführen ist. Die Zahl der Erstattungen lag bisher bei 105 (WiSem. 2002/03) und bei 39 Personen (SoSem. 2003). Der geäußerte Protest hatte bis zum Herbst 2003 keine organisierte Ausdrucksform angenommen.
 

Akzeptanzforschung    
Im Rahmen der Wahlen zum StuPa 2003/04 initiierte die Wahlliste Allianz Offene Studis eine weitere Umfrage(*.pdf) zum Semesterticket. Nach der Einführung zum WiSem. 2002/03 sollte im SoSem. 2003 die Zufriedenheit der NutzerInnen ermittelt werden. Von 215 am 23.+24.06.03 befragten Studierenden (~6,7% der Studierendenschaft) zeigten sich 56,3% zufrieden und 40,5% nicht zufrieden mit dem Semesterticket. Die Stichprobe von 215 Studierenden repräsentierte jedoch nur 6,7% der Mitglieder der Studierendenschaft (= 3.201 Studierende laut Wahlverzeichnis 2003). Die Umfrage im Jahr zuvor hatte 11% der Studierendenschaft erreicht; sie war jedoch an insgesamt 10 Vorlesungstagen durchgeführt worden.

Der Umfang und Aufwand zukünftiger Befragungen ist anhand der Erfahrungen der ersten beiden Umfragen kalkulierbar.

Perspektiven    
Eine (Kompromiss-)Lösung, die den meisten Studierenden nützen würde, läge entweder in einer Senkung des Ticketpreises oder in einer Ausweitung des Fahrbereiches. Die Entwicklung dürfte zukünftig dazu führen, dass entweder die Abschaffung des Semestertickets beschlossen wird oder eine Politik für eine Preissenkung oder Angebotserweiterung zugunsten der derzeit Benachteiligten gemacht wird.

Alle Studierenden sind aufgefordert, die Kontroverse zu beleben. Eine konstruktive Plattform wäre eine Projektgruppe zum Semesterticket, die Verhandlungen über eine Preissenkung oder Erweiterung aufnehmen würde.

Stand: Oktober 2003 (inkl. Ergebnis der Umfrage vom Juni 2003)